Das
1. Gedicht
Setzt Euch bitte mal im Halbkreis um mich herum. Danke. So, ein letztes
Räuspern, ein letztes Stuhlrücken. Los geht's.
"Die Wiese" ist in der ganz, ganz seltenen Reimform AABBE
CCE DDE - eine meiner Lieblingsreimformen, wenn's nicht anders geht.
Aber Achtung: Während der Sprechrythmus im 1.und 2.Teil unbefangen
heiter ist, ändert er sich im 3.Teil, wird schneller, drängender.
(Mhmm,
mhmmm!! Räusper-räusper)
Die Wiese, ein Gedicht von Reinhard
Leopold Häpp.
Mein
Gedicht "Die Wiese"
dreht sich genau um diese.
Unten Gras, darüber Luft
und dazwischen Blütenduft.
Halme wachsen ohne Zahl
Eckards
Bienen sammeln fleissig,
Distelsamen frisst der Zeisig.
Friedlich halten alle Mahl.
Aus
der Ferne immer näher,
kommt der Bauer mit dem Mäher,
plötzlich ist die Wiese kahl.
(Knappe
Verbeugung, Riesenapplaus)
Wir erleben, wie schon im Sprechrythmus angelegt, den Übergang
vom Beschaulichen in's Bedrohliche und enden im Unausweichlichen. Eine
Kurzrezension dieser Art füge ich meine Gedichten immer gratis
bei. Weil sie sonst keiner versteht.
Das Feld-Gedicht kommt anschliessend, wenn der Applaus etwas abgeklungen
ist. Ich will nur soviel verraten: Im Mittelpunkt steht ein flaches,
bearbeitetes Stück Erdoberfläche. Und im daraufolgenden Wald-Gedicht
werden wahrscheinlich überdurchschnittlich viele Bäume vorkommen.
Mehr soll aber noch nicht verraten werden.
Das
2. Gedicht.
Liebe Lyrik-Land-Leute (wunderschöner Stabreim)
Setzt Euch bitte wieder im Halbkreis um mich herum. Danke. Alle Weingläser
gefüllt? Ein letztes Räuspern, ein letztes Stuhlrücken.
(Mhmm,
mhmm)
Das Feld, ein Gedicht von Reinhard Leopold Häpp
Wo einsam
der Ruf des Regenwurms
verhallt an den Stängeln des Maiskolbenturms.
Wo Kartoffelkäferkartelle skandaliern.
Wo der Runkelrübe wehendes Blatt,
etwas düster-melancholisches hat.
und Rüsselraupenrüpel randaliern.
Wo eisern
schweigt die Ackerkrume
im Flammencrescendo der Sonnenblume
wo das Guldenkräutlein zählt sein Geld.
Wo blau der Flachs blüht und wo dümpelt der Dinkel
wo der Feldrain sich müht um die vier rechten Winkel
- das ist das Feld.
AAC BBC
Der erste Teil hat etwas Experimentatives. Aber wer sich, wie ich, die
Wiedereinführung des Stabreims in die deutsche Dichtkunst zur Aufgabe
gemacht hat, darf auch davor nicht zurückschrecken. Während
den Zeile AA und BB eine fast liedhafte Sprachmelodie zu eigen ist,
bricht die Stabreimzeile C das Gedicht ins Stakkatohafte. Ein Kunstgriff,
den ausser mir, nur die wenigsten Künstler beherrschen, vielleicht
noch H. Löns und F. Rückert (allerdings beide schon dahingeschieden.).
Im 2. Vers eine besondere Rarität DDG EFGEFG. Das ist allerdings
schon höchste Dichtkunst, da kommt H. Löns - dessen Stärken
sowieso mehr im Erzählerischen liegen - nicht mehr mit. Diese Reimform
ist die einsame Domäne von F. Rückert und RLH, beides Franken.
Die rechten Winkel sind eine Hommage an F.Rückert , der hoffentlich
ein begeisterer Geometer war, und an meine Brr .: im rechten Winkel.
Das
3. Gedicht.
Setzt Euch bitte wieder im Halbkreis um mich herum. Danke. Alle
Schnapsgläser gefüllt? Kein letztes Räuspern, kein letztes
Stuhlrücken?
Was? Die Schnapsgläser sind schon wieder leer? Also gut, lasst
die Flasche
mit dem Genever noch mal rumgehen. Haben alle? Gut, und die Flasche
wieder
zurückgeben! Danke.
(Mhmm,
mhmm)
Der Wald, ein Gedicht von Reinhard Leopold Häpp
Wo der
Tannenbaum wipfelt
und die Buche sich gipfelt
Wo der Auerhahn balzt
und der Hirschkäfer schnalzt
Wo der Eichenbaum wurzelt
und der Fichtenzapf purzelt
Wo das Eichhörnchen springt
und die Nachtigall singt
Wo der Blätterwald rauscht
und das Rehlein auflauscht
Wo der Wolpertinger kraxlt
und der Wilderer schnaxlt.
Wo die Schneeweh sich auftürmt im Winter.
Da ist der Waldesrand,
der Wald liegt dahinter.
Dieses Gedicht ist ganz in der Tradition Peter Rosseggers ("Als
ich noch der Waldbauernbub war") und Adalbert Stifters ( "Als
ich Peter Rosseggers 'Als ich noch der Waldbauernbub war' las")
geschrieben.
Beide hegen diesen Reimstil, der beschreibend zur Harmonie neigt und
fast in's Monotone abgleitet. Bis - plötzlich - wie ein Fingerzeig
( im Text dargestellt durch die lägere Zeile), die Situation sich
dramatisch ändert und dem Schicksal die Maske von der Fratze ...ah
die Larve von der Maske .... also die Fratze von der Larve reisst. Also
das Schicksal dem Leben die Blösse zeigt resp des Lebens Blösse
auf's Schicksal projeziert. Jedemfalls alles ganz in der Tradition Rosseggers
und Stifters. ( Die beide vermutlich dem Genever zugesprochen haben.)
Das 4. Gedicht.
Bevor wir den Zyklus zu einem würdevollen Ende bringen, muss ich
noch vorausschicken, dass dieses Heidegedicht dem genialen Meister aus
Wiedensahl, der von Haus aus einen überproportionalen Stammplatz
in meinem Herzen hat, gewidmet ist. Zeichner und Dichter...., das ist
wie Brauer und Mälzer). Wilhelm Busch - der sich auch trefflich
auf's Genever trinken verstand.
Das Heidegedicht hab ich als Heidelied ausgeführt, deshalb möchte
ich euch diesmal bitten euch im Halbkreis aufzustellen, um der Darbietung
etwas Chorales zu geben. Diesmal gibt's keine Schnapsgläser, sondern
Rumbarasseln, das ureigene Instrument der Heide. Und Jürgen begleitet
uns auf der Ukulele.
Das Lied besteht aus zwei Strophen, jeweils gefolgt vom Refrain.
Ich singe die Strophen, und der Chor (also ihr) singt den Refrain mit.
Das Lied ist in C-Dur, der Einfachheit halber. Sollte jemand Lust haben
auf der Mundharmonika zu begleiten, müsste es folglich die A-Dur-Harmonika
sein.
Fertig? Ich bitte um eine konzertante Stimmung.
(Hmmm,
hmmm...)
Die Heide, ein Lied von Reinhard Leopold Häpp
Wo die
Grille singt und der Grashüpfer hüpft
wo der Mistkäfer stinkt und die Schlupfwespe schlüpft
Wo der Wacholderwipfel wogt im Wind. (
...ein letzter Stabreim!)
Wo die Heidemaus aus ihrem Schlupflöchlein äugt
wo Haidjer und Haidjerin die kleinen Haidjer zeugt.
wo die Heidschnucken zuhause sind.
(Und
jetzt alle! Der Refrain:)
Seht sie an, die Heide,
wenig Höhe, recht viel Breite.
wenig Gemsen, recht viel Schnucken
viel zu gross zum Drüberspucken.
(....und
ausklingen lassen! Gut gemacht. Jetzt komme ich wieder:)
Wo des
Morgens die Sonne im Osten aufgeht
wo sturmfest und erdverwachsen der Fachwerkhof steht
wo alle Kaffefahrten enden
wo die Imme der Erika Nektar trinkt
Wo des Abends die Sonne im Westen versinkt
wenn die Hünen sich in ihren Gräbern wenden
(Und
wieder alle im Refrain:)
Seht sie an, die Heide.....
Danke,
das war's.
Schön, dass wir diesen anspruchsvollen - und daher unserem geistigen
Niveau entsprechenden - Gedichte- und Liederzyklus gemeinsam zu Ende
bringen konnten. Ihr habt wirklich originelle, zauberhafte Stimmen.
Auch dieses unerwartete Umschlagen von Dur in Moll passte gut zum düsteren
Ernst, wie er oftmals über der Heide liegt.
©2002 by Reinhard Leopold Häpp