Erfahrungen


 

Mein Weg aufs Land
Karin Goldbach

Aufgewachsen bin ich in der Innenstadt eines kleinen Städtchens im Lipperland. Freunde wohnten in der Nähe, und wir spielten oft in den damals noch großen und teilweise verwilderten Gärten der Eltern. Es wurden Baumhäuser gebaut, Bachläufe gestaut, Wildblumensträuße gepflückt und Kränze aus Gänseblümchen geflochten. Ich denke, dass schon damals diese Naturverbundenheit, in mir geweckt wurde. Auch später als Jugendliche, zog es mich oft hinaus aufs Land. Die Nordsee und die Lüneburger Heide waren nicht selten unsere Urlausziele.

Schon viele Jahre hatte ich "John Seymour's" Buch vom Leben auf dem Lande, im Schrank stehen. Oft holte ich es hervor und las über die Möglichkeiten zur Selbstversorgung, wie man Tiere hält und Felder bestellt. In diesem Buch waren viele Begriffe, die ein "Städtler" nicht häufig gebraucht. Wieviel ist ein Morgen Land? Warum Zäune selber bauen? Land urbar machen? Wofür und warum braucht man das alles? Auf diese Fragen wollte ich irgendwann eine Antwort bekommen, denn dieses Buch und dieser damit verbundene Traum ließen mich nicht los.

Irgendwann wurde geheiratet, dann kam das erste Kind, und damit begann die Suche nach einem Haus. Viel Eigenkapital hatten wir nicht, nur einen kleinen Bausparvertrag. Ein Neubau kam damit für uns nicht in Frage. Jeden Tag Zeitungen lesen, Anrufe auf private Anzeigen, Besuche bei verschieden Maklern, standen nun an. Schnell merkten wir, dass die Grundstücks- und Immobilienpreise auf dem Lande viel günstiger waren, als in der Stadt. Was lag also näher, als dem altem Traum vom Leben auf dem Lande nachzugehen?

Nach einjähriger Suche haben wir dann über einen Makler ein sehr günstiges, renovierungsbedürftiges Haus gefunden. Mitten auf dem platten Lande, nur 25km von unserer Heimatstadt entfernt, stand ein altes Bauernhaus mit Stallungen und ca. 1000qm Grundstück (Brachland) zum Verkauf. Es folgten Besichtigung, Begeisterung, Besuch beim Makler und der Bank, zum Schluß ein Besuch beim Notar um den Kaufvertrag zu unterschreiben. Den neuen Hausschlüssel noch nicht in der Hand, kamen schon die ersten Rechnungen - Makler-Provision, Notarkosten und Grunderwerbssteuerbescheid. Später kamen noch Rechnungen vom Amtsgericht Grundbuchlöschung/Einschreibung), Rechnungen der Stadt und vom Notar.

Viel Geld zum Renovieren blieb nicht übrig - also haben wir alles in Eigenleistung gemacht. Eineinhalb Jahre renovierten/sanierten wir - bis zum Einzug. Viele Mängel, die behoben werden mussten, hatten wir (wegen fehlenden Wissens) bei der Besichtigung übersehen. Werkzeug, alte Baumaterialen, wie Ziegelsteine und alte Balken, haben wir uns gebraucht vom Flohmarkt oder aus Zeitungsanzeigen zusammengesucht. Fundstücke vom Sperrmüll wurden wieder aufgearbeitet. Das alles half uns, den Charakter des Hauses zu erhalten. Mit der Zeit wurde unser Haus immer schöner. Ich entddeckte die Liebe zum Gärtnern und so entstand aus dem Brachland ein wunderschöner Bauerngarten. Nicht selten blieben Spaziergänger stehen und bewunderten alles.

Die ersten Jahre waren wunderschön, jeden Morgen frische Milch und Eier vom Bauern, der Imker wohnte gleich um die Ecke. Bäcker, Getränkehändler und Eiswagen hielten direkt vor der Haustür. Es gab kleine Dorffeste und riesengroße Osterfeuer, jeder Dorfbewohner hatte mindestens einen Traktor. Die Kinder hatten viel Spaß, und oft blieben die Freunde zum Mittagessen.

Leider waren uns in diesem Dorf nicht alle Menschen wohlgesonnen. Und da wir mitten im Ortskern wohnten, kam es soweit, dass wir nach vier Jahren unser Haus wieder verkaufen mußten. Das war eine sehr harte Zeit für uns, aber wir haben zum Glück schnell einen Käufer gefunden und konnten mit Kind, Kegel und Garten umziehen. Wir wohnten drei Jahre zur Miete, in einem alten Fachwerkhaus mit Gartennutzung. Und nun ging die Suche wieder von vorn los. Zeitungen lesen, Anzeigen aufgeben. Makler, nein ein Makler sollte es diesmal nicht sein.

Dieses Mal wollten wir alles anders machen, das Geld für den Makler wollten wir sparen. Wir sind erst zur Bank und haben uns ausrechnen lassen, in welcher Preisklasse unser neues Haus liegen darf. Vom Verkauf des ersten Hauses hatten wir genügend Startkapital. Nach drei Jahren Suche fanden wir unseren kleinen Bauernhof. Ein Hof (Bauj. 1910) mit großer Scheune und einer Wagenremise, viele Stallungen und ein kleiner Acker. Unser Traum sollte sich also verwirklichen.

Zwischen Feldern und Wiesen, in einem Naturschutzgebiet liegt unser Hof, ganz ohne Nachbarn. Trotzdem ist die Infrastruktur sehr gut. Bei der ersten Besichtigung fühlten wir uns gleich wie "zu Hause". Und diesmal haben wir beim ersten Besuch, das Haus "auf links" gezogen, Teppiche hochgenommen, in alle Ecken geschaut, Fenster überprüft, nach Schimmel gesucht. Wichtige Sachen geklärt und besprochen wie, Kanalanschluss ja oder nein, liegt eine Drainagen ums Haus, den Keller auf Feuchtigkeit untersucht, Wasserversorgung, wie gut sind Dach und Balken, u.s.w. . Einen Gutachter haben wir uns diesmal auch geleistet. Sowas kann nicht schaden, und ein Gutachter könnte bei späteren, übersehenen Mängeln (natürlich nur erheblichen Mängeln) haftbar gemacht werden. Alles in allem war dieser kleine Bauernhof, wie für uns gemacht. Über den Preis wurden wir uns auch schnell einig.

Ja und dann kamen die gleichen Schritte wie bei unserem ersten Haus. Nur dass unser Hof vom Gesamtzustand viel besser erhalten war, als beim ersten. Schon nach 4 Monaten Renovierungsphase konnten wir einziehen.

Auf einem Hof hat man immer etwas zu tun, aber wir machen das mit viel Freude und betrachten das als unser Hobby. Was gibt es Schöneres als morgens vom Krähen des Hahnes geweckt zu werden? Unsere Kinder wachsen mit vielen Tieren auf, sie können Baumhäuser bauen, Bachläufe stauen, Wildblumensträuße pflücken und Kränze aus Gänseblümchen flechten. Sie lernen mit der Natur zu leben und sie zu schätzen. Das ist in der heutigen Zeit leider nicht mehr selbstverständlich. Wir wollen noch so viel verändern, Stallungen sanieren, eine Streuobstwiese anlegen, einen Bauwagen für die Kinder umbauen - an Arbeit fehlt es uns nicht, und Langweile kennen wir auch nicht.

Unser Weg bis hierhin war bestimmt nicht der einfachste, viele hundert Arbeitsstunden, viele Tränen und schlaflose Nächte gehörten dazu, aber jetzt fühlen wir uns alle pudelwohl und möchten nie wieder in die Stadt zurück. Für uns steht fest, wir mußten diesen Weg gehen ...


©2002 Karin Goldbach

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