Erste Begegnung
Ulrike
Linnenbrink
(Auszug aus "Mylopa")
Die Fahrt kam mir enorm lang vor. So weit weg vom Dorf
hatte ich das Ganze nicht erwartet. Aber die Gegend war atemberaubend
schön und so einsam, wie ich es mir erträumt hatte. Mag
sein, dass solche Einsamkeit nicht etwas für jedermann ist, doch
ich war begeistert. Mein Herz machte kleine Sprünge, als wir
das Wiechholz durchquert hatten, der Wald nach einer sanften Rechtskurve
den Blick auf weitere Wiesen und das einige hundert Meter entfernte
Hofgelände frei gab.
Mylopa, umgeben von ein paar alten, mächtigen
Eichen, Buchen, Birken, Haselnussgebüsch, Holunder und ausladenden
Kastanien. Außer der Scheune, deren Schleppdach sich bis etwa
auf die Höhe von zwei Metern an den Boden zog, war von den anderen
Gebäuden aus dieser Entfernung noch nicht viel zu sehen.
Eigentlich eher hässlich, dieser erste Anblick. Doch das machte
nichts, denn die Lage erschien mir dermaßen traumhaft, dass
fast gleichgültig war, wie die übrigen Bauten hinter diesem
grauen Koloss aussahen. Gebäude konnte man verändern mit
der Zeit. Die Lage musste man so nehmen wie sie war.
Unsere Wagen rollten in die Hofeinfahrt, und wir kamen
nebeneinander auf einer Betonplatte zum Stehen. Robin und ich blieben
einen Moment sitzen und sahen an der mit rotem Backstein verklinkerten
Front entlang, verrenkten uns die Hälse, um uns nach dieser beinahe
Furcht einflößenden, grau verputzten Scheune mit ihren
gewaltigen grünen Schiebetüren umzuschauen.
Bauer Horst hatte seinen Wagen bereits verlassen, kam
auf uns zu und rieb sich die Hände beim Gehen. Die Hunde gebärdeten
sich wie wild, kläfften ihn an und sprangen gegen die Wagenscheiben.
Wir beeilten uns mit dem Aussteigen, klappten die Sitze vor und ließen
die kleinen Kläffer hinaus ins Freie. Blitzartig waren beide
auf dem Grünstreifen, der die Betonplatte vom Wirtschaftsweg
trennte, und sie gingen wie auf Kommando gleichzeitig in die Hocke.
Das schien knapp gewesen zu sein!
"Von da ab ist alles neu", sagte Bauer Horst und deutete
auf die niedrige, noch unverfugte Mauer vor uns. Sie führte vom
Wirtschaftsweg bis an die Hauswand heran. Dort, wo sie das Mauerwerk
berührte, war quasi die Trennlinie zwischen der neuen Verklinkerung
und dem alten Bau, dem Haupthaus. Dessen Steine erschienen viel unterschiedlicher
rot-scheckig gefärbt und im Gegensatz zum neuen Teil auch sehr
viel rauer strukturiert. Außerdem wirkten die Fugen dazwischen
gelblicher und ein wenig bröselig, und es gab kleine Löcher
darin, die danach aussahen, als hausten die Mauerbienen darin.
Die ehemaligen Stallfenster im neueren Teil des Gebäudes waren
durch quadratische, moderne, doppelverglaste Fenster ersetzt und hatten
Rahmen aus dunklem Merantiholz. Bei einem klebte noch der Zettel mit
der Firmenbezeichnung am Glas.
Wir gingen um die niedrige Mauer auf das Haupthaus zu,
vor uns die entsetzlichste Haustür, die ich je gesehen hatte.
Sie hatte einen noch unverfugten Vorbau, der wohl nachträglich
angesetzt war und wie ein unfertiger Klotz wirkte. Das Dach hörte
über ihm einfach auf, so dass der Vorbau oben wie abgeschnitten
wirkte. Ehe ich jedoch genügend Zeit hatte, diese Eindrücke
auf mich wirken zu lassen, wurde die Aluminium-Haustür geöffnet,
und zwei kleine Kinder streckten vorsichtig ihre Köpfe heraus.
"Da sind sie, Mami", rief das Ältere
der beiden ins Innere zurück. Gleich darauf erschienen zuerst
eine junge Frau, die uns mürrisch entgegen sah und danach ein
Mann im grünen Arbeitskittel. Erst wischte er sich die Hände
am Kittel ab, dann begrüßte er uns - etwas verlegen, während
seine Frau, ein Kind links, ein Kind rechts, beide Arme um deren Schultern
schlang.
Ich nickte ihr zu und versuchte dabei ein Lächeln. Aber auch
mir war im Augenblick nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass diese
Leute in naher Zukunft auf der Straße stehen würden. Ganz
gleich, wer dieses Haus nun kaufen würde. Uund spontan überlegte
ich, wie lange wir ihnen wohl Zeit lassen würden, falls wir das
wären.
In der eher bescheidenen, spartanisch möblierten
Diele saß man gerade bei Kaffee und Schokoladenkuchen. Der Raum
hatte so gar nichts von den Eingangsbereichen, wie ich sie mir bei
alten Bauernhäusern vorstellte. Ein ganz normales Zimmer. Billige
Pappmaschee-Türen mit Limba-Furnier. In jeder Wand eine. Ich
nahm an, dass sie gegen die ehemaligen, massiven Füllungstüren
ausgetauscht worden waren, weil man der Zeit folgen und den alten
Plunder loswerden wollte. Bauer Horst nickte selbstzufrieden und bestätigte
damit meinen Verdacht.
Die Tür an der Stirnwand gegenüber der Alu-Eingangstür
mit Riffelglasfüllung führte, wie man uns sagte, in die
ehemalige Küche, die gleichzeitig der Durchgang zum Schweinestall
war. Wir schauten kurz hinein und entdeckten drei weitere Türen.
Eine rechts um die Ecke und zwei links direkt nebeneinander. Durch
eine der beiden Zwillingstüren kam man über eine Steintreppe
in ein dunkles Kriechkellerloch, hinter der anderen verbarg sich eine
kurze, ziemlich vergammelte, teppichbelegte Holztreppe, die hinauf
in die Up-Kammer direkt über dem niedrigen Kellerraum führte.
Durch die gegenüberliegende Tür ging es nun in einen Wirtschaftsraum,
in dem rechts um die Ecke die großen Behälter der Haus-Wasseranlage
standen und links, zur hinteren Eingangstür hin, eine Kühltruhe
und eine Waschmaschine. Von dort führte eine massive Holztür
hinter das Haus in einen zugigen Raum, den überdachten Durchgang
zum alten Stall. Aus Bauer Horsts Erzählungen wussten wir bereits,
dass diesem alten Fachwerkgebäude um ein Haar das Schicksal erspart
worden war, ebenfalls abgerissen zu werden.
Wir kehrten wieder um und schauten uns einen anderen
Trakt des Hauses an. Nichts war wirklich schön. Nichts hätte
man so lassen können wie es war. Doch mein inneres Auge sah anders.
Baute bereits um ...
"Eigentlich hatte ich vor, auf Dauer den ganzen
alten Kram hier dazwischen wegzuhauen", sagte Bauer Horst, "und
Zimmer für Zimmer neu hochzuziehen. Mit diesem hier haben wir
angefangen, und wir wollten so lange weitermachen, bis wir den Anschluss
an den neuen Kuhstall gehabt hätten."
Um Gottes Willen! Wie gut, dass ihr vorher ausgezogen seid! dachte
ich, schaute aus dem Fenster der besten Stube und bewunderte die ausladenden
Rhododendrenbüsche vor dem Haus. Noch hielten sie ihre Blütenknospen
fest verschlossen, aber was für eine Pracht mochten sie sein,
wenn wir erst Mitte Mai hätten!
Nach einer Weile landete wieder in der Diele bei den
Kindern mit den vom Schokoladenkuchen verschmierten Gesichtern. Wir
folgten dem Bauern durch die letzte Tür, die von der Diele aus
in den neueren Bereich führte. Diesmal ging es in Richtung Kuhstall.
"Hier wollten wir das Frühstückszimmer
für unsere Gäste machen", erzählte die junge Frau,
und sie sah dabei gar nicht glücklich aus.
Der erste wirklich schöne Raum mit einer Abtrennung
aus alten Eichenbalken, etwa zwei Meter dahinter eine frisch gezogene
Wand und ein offener Mauerdurchlass zum Stall. Wir befanden uns auf
einer inzwischen stillgelegten Baustelle. Von einem langen Mittelflur
gingen rechts drei, links zwei kleine Zimmerchen, Duschräume
und Toiletten ab.
"Ja, und hier sollten die Leute schlafen und Urlaub
machen", sagte der Mann im grünen Kittel, und meine Fantasie
richtete sich im Frühstückszimmer schon die Küche ein.
Wir schauten überall kurz hinein, traten schließlich
am Ende des langen Flures durch die neue Eingangstür aus Holz
und befanden uns wieder draußen vor der Scheune. Ich fühlte
mich noch immer erschlagen von diesem Ding. Es schüttelte mich
ein wenig, und fast taten mir die beiden Island-Pferde Leid, die hinten
im Schleppdach in provisorisch zusammengezimmerten Boxen standen.
Als wir zu ihnen herein kamen, hörten sie für einen Moment
damit auf, Heu aus den Raufen an der Wand zu zupfen und schauten sich
mit großen, mir traurig erscheinenden Augen kauend nach uns
um.
Doch dann geschah es. Wir liefen am Schweinestall und
einem daran anschließenden, vor Altersschwäche fast zusammenbrechenden
Holzschuppen entlang nach hinten auf das Gelände, und ich weiß
noch heute, wie mir beim Blick unter den Kronen der Kastanien hinweg,
über die Wiesen bis hinüber zum Wald fast das Herz stehen
blieb. Mich durchströmte ein solches Glücksgefühl wie
ich es nie zuvor und auch selten danach wieder erlebte, und ich bin
sicher, dass ich es nie wieder in der gleichen, gewaltigen Intensität
erleben werde. Das war ganz einfach Liebe auf den ersten Blick!
Seit diesem Augenblick weiß ich, dass es so etwas
gibt. Das Gefühl, endlich irgendwo angekommen und zu Hause zu
sein. Etwas, das sich wie eine warme Decke um die Schulter zu legen
scheint und eine Geborgenheit gibt, nach der man zeitlebens auf der
Suche war. Wie eine warme Woge überrollte mich dieses Gefühl,
riss mich in einen wilden inneren Sturm, und ich ahnte, ja, ich wusste:
Robin ging es ebenso.
Er schaute mich an und lächelte, und auf dem Rückweg, einmal
um den Schweinestall bis an die südliche Grenze des Geländes,
schlang er mir den Arm um die Schulter und zog mich mit sanfter Gewalt
an sich heran. Wir hatten beide genug Vorstellungskraft, um im Geiste
aus dem unbearbeiteten, von Unkraut überwucherten Land wundervolle
Staudenbeete, neue Räume schaffende Hecken und Obstwiesen entstehen
zu lassen. Mit immer wieder anderen Gelegenheiten zum Sitzen und der
Möglichkeit, aus unterschiedlichen Perspektiven unsere zukünftige
Idylle betrachten zu können. Mit Wasserflächen auch, unter
der Sonne glitzernd, umgeben von üppiger heimischer Vegetation
und einer Menge von diesen Findlinge, die wir auf dem Weg hierher
an den Ackerrändern herumliegen gesehen hatten.
Wir hatten genug gesehen, verabschiedeten uns von Auerbachs,
versprachen der Bauersfamilie, dass wir uns bei ihnen melden würden,
so bald wir uns endgültig entschieden hätten, luden die
Hunde wieder ins Auto und krochen zurück Richtung Dorf. Mussten
uns dabei immer wieder umsehen und konnten uns kaum losreißen
von diesem Anblick.
Nach ein paar hundert Metern hielten wir an, wendeten
in einer Weideneinfahrt und fuhren zurück. Diesmal wollten wir
uns alles noch einmal allein und aus der Ferne ansehen. Unsere Wolldecke
auf der Wiese ausbreiten, den Picknickkorb aus dem Wagen holen, uns
mit Frikadellen, Eiern, Kartoffelsalat, Tomaten, ein paar Broten und
Kaffee ins Grüne hocken, schauen und nachdenken.
Die Hunde tobten ausgelassen über den Acker nebenan,
und Robin lag auf dem Bauch, hatte das Kinn in die Hände gestützt
und sah hinüber zum Hof. "Was meinst du?" fragte er
nach einer Weile.
"Ich denke, wir sollten es kaufen", sagte ich und nahm einen
Schluck Kaffee. "Wir könnten von unterwegs gleich anrufen."
Zuerst wieder diese Steilfalte auf seiner Stirn. "Wir werden
uns bis unter die Achseln verschulden." Dann jedoch lächelte
er und griff über dem Korb nach meiner Hand. "Meinst du
wirklich? Hast du diese entsetzliche Haustür bemerkt? Diesen
angeklatschten Flachdach-Anbau?"
"Ja, furchtbar."
"Aber die Gegend hier ist einfach toll. Nirgends hatte ich bisher
ein so gutes Gefühl. Du etwa?"
Ich schüttelte den Kopf. "Und zu teuer ist es eigentlich
auch nicht."
"Im Geiste sehe ich schon den Garten vor mir", sagte er,
"und aus den Gebäuden könnte man etwas machen."
"Glaubst du, dass das Wasser wirklich in Ordnung ist?" Ein
wenig von meiner Beunruhigung war offenbar noch da. Obwohl es wirklich
tragisch wäre. Jetzt, da mein Herz hier schon Wurzeln geschlagen
hatte.
"Denkst du, dass sie lügen? Den Eindruck hatte ich eigentlich
nicht. Außerdem, dann wären ja auch die anderen krank geworden",
sagte Robin und wischte damit dieses eigenartige Gefühl in mir
schnell wieder fort.
"Stimmt. Am Wasser wird es wohl nicht gelegen haben."
Kein Gedanke mehr daran, uns auch das andere Haus noch anzuschauen.
Das bei Osnabrück, das eigentlich für heute Nachmittag noch
mit auf dem Plan stand.
Es begann bereits zu dämmern, und wir packten unsere
Sachen wieder zusammen. Fuhren noch einmal langsam am Hof vorbei,
weiter geradeaus, nahmen einen anderen Weg zurück, als den, auf
dem wir hergekommen waren. Ein Stück weiter südlich vom
Dorf landeten wir wieder auf der Hauptstraße. Gleich an der
nächsten Telefonzelle hielten wir an.
"Das ging aber schnell", wunderte sich Horst-Junior, der
bei unserer Bauernfamilie offensichtlich für den Telefondienst
zuständig war.
"Ich weiß", lachte ich, "wir wundern uns über
uns selbst."
"Und nun?"
"Sag deinen Eltern, sie sollen uns Bescheid geben, wenn sie einen
Termin beim Notar haben."
"Klar, mach ich."
Zurück bei Robin im Wagen musste ich tief durchatmen. "Hätte
nicht gedacht, dass die Entscheidung für ein Haus so aufregend
sein kann." Irgendwie war mir bei aller Freude nach diesem Telefonat
ein wenig unheimlich zu Mute. Ich hatte Tatsachen geschaffen.
Robin lächelte und strich mir über die Schulter. "Vielleicht
muss das so sein, wenn man sein erstes eigenes Haus kauft."
Als unser Grüner den kleinen Hügel in Erkenschwick wieder
hoch kroch, war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob wir eine
gute Entscheidung getroffen hatten. Auch dieses Häuschen in Erkenschwick
leuchtete uns heimelig entgegen. Robert und Sonja hatten die Außenbeleuchtung
eingeschaltet, und aus ihrem Küchenfenster floss warmes Licht
über die Frühlingsblumen im Vorgarten. Weiß strahlte
uns in der Dunkelheit das Fachwerk zwischen den schwarzen Balken entgegen.
Das sah sehr romantisch aus. Auch hier war es schön geworden
in den letzten Jahren, und es gab liebe Menschen, eine Menge Freunde
in unserer Nähe ...
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©2002 Ulrike Linnenbrink
Auszug aus Mylopa
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